Konsequenzen der Monokultur: Musik oder Jogging-Beschallung?

Dass in der Tangowelt eine Sehnsucht nach neuer Musik verbreitet ist, dürfte nicht nur die Neo-Non-Freunde betreffen.
Eine neue Welle an guten Orchestern, die den Tango zu einem musikalischen Revival verhelfen, ist leider – bis auf Ausnahmen – nicht in Sicht. Die Verzweiflung muss sehr groß sein, dass sich viele Paare in tango-ähnlichen Bewegungsmustern einem Dauerstakkato elektronischer Jogging-Beschallung aussetzen.

Zugegeben, ich bin kein Freund elektronischer Musik, nach kurzer Zeit setzt bei mir ein Fluchtreflex aus dieser akustischen Notsituation ein, denn ich entweiche einer mir suspekt erscheinenden Trance-Benebelung, die mich an die hypnotische Stimme der Schlange Ka aus Disney’s Dschungelbuch erinnert. Die oft über Normallänge eines Tangos weit hinausgehenden Stücke haben außerdem einen oft einschläfernden Charakter. Den eintönigen Rhythmus allerdings benutze ich gerne im Sportstudio zur Aufrechterhaltung ermüdender Dauerbewegung auf dem Fahrrad oder Crosstrainer. Bewegung seiner selbst willen. Nach kurzer Zeit merke ich nicht einmal mehr, dass ich mich überhaupt bewege; das „Dauergebummse“ geht direkt in die Füsse, es treibt mich an. Allerdings habe ich auch nicht die Assoziation zu Musik, denn die immer wiederkehrende auf Synthesizer gedudelte „Melodie“ dient offenbar nur dem Alibi „Musik“, muss sie doch ein Mindestmaß an „Unikat-Ähnlichkeit“ vorgaukeln, um auch nur im Ansatz den Anschein zur erwecken, dass ein Mensch dahintersteckt, der diese Töne erzeugt und keine KI-Maschine.Ähnlich ging es mir aber auch, als ich letztens einen Facebook-Live-Video-Ausschnitt einer Neo-Tango-Veranstaltung mit einer vielgerühmten Neo-DJane aus Moskau zu Gesicht bekam. Es war nur ein Ausschnitt und kann deshalb nicht den Musikcharakter der ganzen Veranstaltung darstellen. Freunde von mir, die dort anwesend waren, bestätigten mir allerdings, dass dieser Videoausschnitt typisch für den Großteil des Abends war.
ich sehe Paare, die sich bewegen, die ihre monotonen Muster abspulen, ähnlich wie auf einem Laufband, ohne auch nur den leisesten Bezug zur Musik herstellen zu wollen. Es gab eine Melodie, die vielleicht hätte interpretiert werden können, aber davon war auf der recht leer wirkenden Tanzfläche nicht zu sehen: kein Paar in der Musik, aber – immerhin – im Rhythmus. Ich muss sagen, es war nicht nur ein akustischer, sondern auch ein optischer Graus und meine – vielleicht vorurteilhafte – Ablehnung solcher Veranstaltungen hatte sich wieder einmal bestätigt.
Seitdem frage ich mich, ob wohl der Wunsch vieler Neo-Tänzer nur einem hohen Bewegungsdrang entspringt und nicht dem Verlangen wirklich zu tanzen.

 

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