Die Umarmung im Tango – Attitüde oder Wunsch nach Nähe?

Die Umarmung im Tango – Attitüde oder Wunsch nach Nähe?

Es gibt, glaube ich, kein Thema im Tango, das so viel Verwirrung und Missverständnisse erzeugt wie die Umarmung – el abrazo.
Es existieren so einige Postulate in der Tangowelt, die ich hier einmal – übertragen auf die heutige Tangowelt und deren Tänzer und unterschiedlichsten Motive – hinterfragen möchte. Wohlgemerkt hinterfragen und nicht ihnen widersprechen, weil ich die Motivationen vieler Tänzer nicht kennen und beurteilen kann.

Zum Beispiel:

„Der Ursprung des Tangos ist der Wunsch nach einer Umarmung, Berührung.“

Ist dieses Motiv wirklich bei allen gleich? War es nicht mal in einer prüden Gesellschaft die einzige Möglichkeit, dem anderen Geschlecht nahe zu kommen? Ist das heute immer noch so? Oder ist es nicht viel mehr der Wunsch nach musikalischem Austausch, Bewegung und der Verständigung? Wobei die Nähe zum Partner einfach ein pragmatischer Faktor zur besseren Verständigung, der Komunikation, sein könnte.

Meine erste Frage: ist es beim Tango überhaupt eine ‚echte‘ Umarmung? So, wie man einen anderen Menschen in die Arme nimmt, ihn begrüßt, ihn hält, zärtlich ist? In einem Tanzpaar ist es doch eigentlich nur der Mann, der nur seine rechte Hand um die Taille oder den Rücken der Frau legt, die linke tut es nicht. Der linke Arm der Frau tut es,  jedoch nicht so besitzergreifend wie der des Mannes. 

Wenn man tanzhistorisch an dieses Thema herangeht, ist die Entwicklung dieser eigentümlichen ‚Umarmung‘ aus vielen Tänzen entstanden, hat sich teilweise verändert, wurde angepasst an gesellschaftliche Normen, an die Tänze, an den Abstand im Paar, an die gewollte Nähe oder als Mittel zur sexuellen Annäherung oder recht kraftvoller Manipulation zur Kommunikation im Paar. Die Umarmung kann auch symmetrisch sein, wie beim französischen „Valse musette“, bei dem die Frau die Hände um den Hals des Mannes legt, während er die seinen um ihre Hüfte schmiegt; mit diesen typischen französchischen Hafenwalzern mit Akkordionklängen; Edith Piaf lässt grüßen. Warum ist sie beim Tango asymmetrisch, wenn doch die Umarmung im Tango de Salón während eines Tanzes nicht gelöst wird und obendrein ihre rechte und seine linke Hand nicht für (z.B. Salsa, Lindy-Hop oder Rock’n Roll) zur Kontaktaufrechterhaltung genutzt werden, während SIE sich allein um ihre Achse dreht? Ich möchte hier nicht die zahlreichen Umarmungsformen des Tangos aufzählen, die geschichtlich überliefert wurden, wie Canyengue, Apilado, Acostado usw., sondern den heutigen Umgang damit. 

Reden wir über die Umarmung als Attitüde: 

Eine Attitüde ist eine Haltung im Tanz. 

Wikipedia: Attitüde (sprich ˌatiˈtyːdə; von französisch attitude, gesprochen atityd, Haltung, Verhalten, Gebaren, Einstellung) nennt man in der Kunst die Haltung, Stellung oder Lage menschlicher Figuren, eine Positur oder eine Gebärde.

Sie nimmt beim Tango eine wichtige Rolle ein, ist sie doch auch ein Statussymbol und zumindest beim Mann wichtiges Requisit zur Darstellung seiner Künste. Eine gute Haltung, die ‚postura‘ ist ein entscheidender Teil der Optik, der Kontaktaufnahme und Symbol der inneren Haltung eines Tangotänzers, doch leider in Deutschland nicht so ausgeprägt. (Ich gehöre auch dazu!)

Obendrein steckt darin ein technischer Beitrag zur Stabilität des Paar-oder Einzelgleichgewichts beider Personen. Sie ist wichtiges Element zur Kommunikation und hat fatale Auswirkungen auf das Wohlbefinden beider Partner.

Soweit das wichtigste. Die Möglichkeiten im Ausdruck, im Druck, in der Einengung, der Entspannung, des Muskeltonus und der Flexibilität sind enorm groß. 

Aber ich möchte in diesem Fall über die Umarmung als Attitüde und eine leider in der Tangoszene der ganzen Welt sehr verbreitete Nebenerscheinung schreiben:

Das Kopfdrücken bzw. der Kontakt beider Partner Kopf an Kopf. 

Hierzu fand ich ein interessantes und zutreffendes Zitat von Yannik Vanhove:

„One of the single biggest problems that we see today in the world of Tango is leaders using the Milonguero-style embrace while they’re trying to lead figures from Traditional Tango. That’s murder on the dancefloor! The followers’ back muscles can’t handle the pressure of the arm blocking the back while being invited to dissociate.“

„Eines der größten Probleme, das wir heute in der Tango-Welt sehen, ist die Verwendung der Milonguero-Umarmung, während sie versuchen, Figuren aus dem traditionellen Tango zu führen. Das ist Mord auf der Tanzfläche! Die Rückenmuskulatur der Folgenden kann nicht mit dem Druck des Armes umgehen, der den Rücken blockiert, während sie aufgefordert wird, zu dissoziieren.“

Doch zuerst möchte ich verstehen können, wieso sich die Annäherung der Köpfe innerhalb eines Tangopaares im Tango so verbreiten konnte und mittlerweile als das „Muss“ im Tango betrachtet wird: 

Wenn ich einen Menschen per Umarmung begrüße, strecke ich ihm auch normaler zuerst eine Wange zum Kuss entgegen. Aber lasse ich danach auch meinen Kopf an seinem/ihrem und nehme ihn nicht mehr weg?

Zugegeben wirkt ein Tangopaar mit zusammengesteckten Köpfen intimer und harmonischer als eine entgegenwirkende (wie z.B.die Standard-Umarmung, bei der es aussieht als würden beide dem Mundgeruch des Partners ausweichen). 

Also scheint der Kopf-an-Kopf-Tango ja etwas ganz normales und auch natürlich zu sein. Das durch Fred Astair mit Ginger Rogers bekannte „dance together cheek to cheek“ gibt doch Anregung für ein romantisches Zweierlei -Wange an Wange durch die Welt zu schweben; wohlgemerkt Wange an Wange und nicht Kopf an Kopf!

Das nimmt nur leider im Getümmel einer Milonga sehr groteske Züge an und ist ein weit verbreitetes Übel, das mir zumindest den Spaß mit solchen Partnerinnen sehr verleiden kann; und umgekehrt vielen Frauen den Spaß mit gleichermaßen führenden Männern natürlich auch.

Darum: 

1. Sichtbehinderungen

Sie versperrt mir damit den Blick nach rechts im Augenwinkel. Das ist auf vollen Tanzpisten sehr hinderlich und minimiert zumindest mein Schrittrepertoire um 50%. Das ist schon eine enorme Behinderung. Statistisch gesehen passieren die meisten Zusammenstöße auf Tanzpisten im toten Blickwinkel des Mannes – hinten rechts. Das ist obendrein sehr rücksichtslos von ihr, wenn sie außerdem (Genuss demonstrierend) ihre Augen schließt, statt den Partner bei drohenden Zusammenstößen im toten Blickwinkel sanft zurückzuhalten; oder ist oberdreist, durch Unterlassung nach einem Zusammenstoß dem anderen Unfallgegnerpaar achselzuckend auch noch Verzeihungsgesten auszusenden. 

2. Bewegungsbehinderungen bei ungeübten Kopf-an Kopf-Tänzern

Zumindest in enger Umarmung ungeübte Tanzpaare haben bei Kopf-an-Kopf-Umarmung eine enorm eingeschränkte Bewegungsfähigkeit. Was ich an Verrenkungen in diesem Bereich oft sehe, grenzt an Selbstkasteiung. Selbst bei wildesten Bewegungen wird daran festgehalten. 

3. Die Statik im Paar 

verändert sich deutlich, wenn beim Köpfe-zusammen-drücken der Berührungspunkt beider Köpfe zum Referenzpunkt der Bewegungen wird. Wir alle kennen das: wir drehen bei Pivots nicht in unserer Drehachse, sondern taumeln um diesen fraglichen Berührungspunkt, den man auch bei enormer Schieflage nicht trennen möchte. 

Leute, einen gemeinsamen festen Ankerpunkt im Paar gibt’s nur im sogenannten „Milonguerostil“, bei der beide Partner gegeneinander gelehnt eine gemeinsame Gleichgewichtsachse in der Mitte des Paares bilden, möglichst ohne Pivotachsendrehungen, mit alten Kreuzschritten, während beide Becken parallel zugewandt bleiben.

Köpfe zusammendrücken bleibt nur bedingt und eingeschränkt bequem und sollte mal nach Intention überprüft werden.  

4. Intention 

ist das, was wir inneren Wunsch oder Anstoß nennen. 

Auf Umarmungen übertragen sind das entweder der Wunsch nach freier Bewegung oder der Wunsch nach Nähe. Oder abwechselnd. Je nach Größe des Partners, nach Geruch, Sympathie und Bequemlichkeit. 

Wenn jemand normalerweise einem fremden Menschen während der ganzen Tanzphase seine Wange an die andere zwängt, symbolisiert dies (zumindest bei mir) den unmittelbaren Wunsch nach intimer Nähe, mag dies auch noch so obligatorisch in der Tangoszene verbreitet sein. Ganz besonders grotesk empfand ich diese Attitüde bei einem Männerpaar, das es sich wild bewegend immer noch schaffte, ihre Wangen zusammenzupressen. Für mich tauchte zuerst die Frage auf: Warum machen die das? Wenn sie schwul wären, hätte ich ja vollstes Verständnis dafür, aber nur so? Eine intime Annäherung ohne Wunsch nach Nähe kann ich nicht nachvollziehen. 

Jetzt höre ich schon die Schreie der Puristen, dass dies doch die übliche Haltung im Tango sei und nicht über den Tanz hinausgeht. Aber ist das wirklich so? Ist der Tango frei von sexuellen Wünschen (zumindest der Männer)? Ich glaube nicht, das sich der Tango in den Blütezeiten so entwickelt hätte, dass harte Compadritos getanzt hätten, wenn sie nicht die einzige Gelegenheit zur Nähe zu einer Frau bedeutet hätte. Wem es beim Engtanzen nicht um Nähe geht, wenn auch nicht unbedingt sexuell, sollte mal seine Umarmung oder zumindest seine Intention zum Tanzen überprüfen. 

5. Die Kommunikation durch die Leichtigkeit der Umarmung

Bei 90% des gesamten Tango-Unterrichts ist der Gebrauch oder der Umgang des oberen Bewegungsapparats ein sehr vernachlässigtes Thema, aber doch sehr entscheidend für das Gelingen vieler Bewegungen; zumindest die, bei denen sich die freien Schultern (seine rechte und ihre linke) sehr nahe kommen. Da wir unsere Schultern nur in Drehungen parallel zueinander bewegen, aber sonst eher konträr  zueinander (siehe konträres Rotationssystem), sind entspannte Arme eine wichtige Voraussetzung für bequemes und bewegliches Tanzen. 

Das ist jedoch oft anders. Ich erlebe sehr viele Frauen mit verspannten oder schweren (nicht selbständig getragenen) Armen. Umgekehrt wird es vielen Frauen genauso mit den berüchtigten „Eisenarmen“ mancher Männer gehen. Nach innen geknickte Handgelenke der Frau durch Bizepsdemos ála Gavito sind auch sehr üblich und waren besonders in den 90er Jahren in B.A. sehr verbreitet. Wenn Euch doch die engen Köpfe so wichtig sind, Leute, warum dann nicht auch entspannte Arme? Dauerdruck ist sinnloses Kräftemessen und damit verschwimmen alle notwendigen Signale. Schwere Arme (3-5 Kg) der Frauen verlagern das Gleichgewicht vom Zentrum weg und machen keinen Spaß. 

6. Die gesellschaftliche Angleichung – die Modehaltungen

In einer Gesellschaft entsteht die äußerliche Anpassung an die Gepflogenheiten einer Gruppe oft durch den Wunsch Einzelner dazuzugehören. Das passiert auch Tangoneulingen, die beobachten, wie sich viele Paare in einer intimen Haltung klein und zärtlich miteinander bewegen. Scheinbar braucht man ja offensichtlich nur die Köpfe zusammenzustecken und man gehört dazu! Nicht wissend, das man vielleicht auch Brustkorb, Arme und Schultern und Bewegungsfreiheit im unteren Bewegungsapparat haben muss, zur Verständigung und zur komfortablen Bewegung. Vielleicht noch ein gutes Gleichgewicht, das hier verbreitet auch fachmännisch Achse genannt wird. (Wer von Achsen redet, sollte mir mal die verschieden Achsen eines Stabhochspringers während der Absprungphase erklären. Ich glaube er/sie benutzt das Wort danach nie wieder.) 

Aber was soll ein Anfängerpaar auch anders machen? Machen es doch die meisten so. 

Dieser Wunsch nach Anpassung nimmt oft groteske Züge an. Mich erinnern die verschieden Epochen der Tangohaltungen an Modeerscheinungen. 

Ein Beispiel: Ein recht guter Tänzer aus Nijmegen hatte eine eigenwillige Armhaltung seines freien Armes. Er hielt sie auf Hüfthöhe weit ausladend nach außen und ließ dabei den Daumen wie einen Handtaschenhaken noch oben ragen, worin sie ihre Hand einklinken konnte. Da dies offensichtlich sehr leger und lässig aussah, kopierten es mehrere Tänzer. Das verbreitete sich dann in kurzer in ganz Holland, Köln und sogar bis nach Argentinien, weil auch dort einige glaubten, damit besonders „Europa-Hip“ auszusehen (heute undenkbar!). In machen Kreisen nannte man diese, für andere Paare auf vollen Pisten lästige Angewohnheit, die „Amsterdamer Keule“. 

Heute beobachte ich die bei Encuentro-Tänzern  beliebte „Schiefer-Kopf-nach-links-Haltung und linker Arm hoch und spitz angewinkelt, bei der sie ihr Gesicht an seinem Hals vergräbt. Vor ein paar Jahren die Tablettträger-Armhaltung bei Männern und die Arm-über-die Schulter-Stülpung des linken Armes der Frauen. Die Moden wechselten und leider waren die meisten Haltungen leider nur Attitüden. Sie wurden gnadenlos auch trotz unbequemster Größenunterschiede auf alle Partner übertragen. 

Fazit: Viele Tänzer sollten sich einmal fragen, ob sie die Kopf-an-Kopf-Haltung  wirklich so lieben, dass sie dafür auch so viele Unbequemlichkeiten in Kauf nehmen möchten. Ich spreche mit vielen Tänzer/innen, denen es genauso geht, aber sich nicht trauen, den/die Partner/in während des Tanzens zu bitten, es nicht zu tun. Hinterfragt doch einfach mal diese Sitte auf Zweckmäßigkeit und Eure Intention.

Ich weiß, dass es viele fortgeschrittene Tänzer/innen gibt, die sich damit arrangiert haben und es als nicht so wichtig betrachten, als ‚costumbre‘ bezeichnen, aber ist auch wirklich alles optimal, was gebräuchlich ist?

Es gibt übrigens einen kostenlosen YouTube-Film von Sebastian Arce & Mariana Montes „Tango Embrace – an act of beauty“.  

Link: https://youtu.be/hgxwn7S4TKQ

Darin geben die beiden eine Anleitung für eine wunderbar neutrale, bequeme und gut aussehende Umarmung, auf alle Tanzstile anwendbar. Darin ist nicht die Berührung der Köpfe relevant, sondern die der Oberkörper; die Köpfe kommen sich zwangsläufig dadurch sowie sehr nahe. Auch für Engtänzer gibt es gute Anleitungen von Melina Sedó und Detlef Engels. Übrigens sucht Euch auch Lehrer, die Eurem Umarmungswunsch entsprechen. Chicho Frumboli hat sich immer gefragt, was die vielen Engtänzer bei ihm im Unterricht wollen, „…die sehen doch, dass ich offen tanze.“

Viel Spaß …und nun umarmt Euch erstmal!

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